Rezension

“Du bist der Mut”

Das ist nährend und amüsant, erlaubnisgebend und verzeihend, motivierend und tröstlich, auch konfrontativ.
— Dr. Wolfgang Looss

Nadine Haschke: Du bist der Mut – Werte für Menschen, die vorangehen wollen

Kordoni Verlag, Aachen 2025

Natürlich haben wir im deutschsprachigen Raum - auch und gerade in diesen

besorgniserregenden Zeiten – mehr als genug Selbsthilfebücher und Anleitungen zum guten oder „richtigen Leben“. Und dennoch zeigt etwa die jüngste Stress-Studie der Techniker-Krankenkasse, dass Menschen sich überlastet fühlen, weil sie glauben, ihren eigenen Ansprüchen nicht zu genügen, weil Beruf und Schule als extrem fordernd erleben und weil die gesellschaftliche und politische Gesamtsituation als bedrohlich erlebt wird - zur Studie

All die Anleitungen, wie man denn nun zu einem zufriedenen Menschen werden kann, all die visionären Beschreibungen einer zu gestaltenden „besseren“ Welt nehmen wenig Bezug darauf, dass solche „Selbstentwicklung“ (Jens Corssen: Der Selbstentwickler, 12. Auflage, Wiesbaden 2004) eben doch ein ziemlich mühevolles Unterfangen ist. Nicht jedes Vorhaben der Selbstverbesserung gelingt, nicht jede als richtig erkannte Verhaltensänderung wird stabil.

Pädagogen sprechen von „Transferproblemen“, wir alle kennen das von den guten Vorsätzen zu Neujahr. Und das ist der Punkt, wo das hier in den Blick genommene Büchlein von Nadine Haschke ins Spiel kommt. Sie kennt offenbar all die Stolpersteine, die bei der Selbstveränderung, bei der berühmten „Arbeit an der eigenen Person“, beim persönlichen Lernen und bei der Musterveränderung auftauchen können. Und damit wird ihr Text dann zu einem wunderbaren Werkstattbericht, der eben nicht nur von den Erfolgen erzählt, sondern die Rückschläge, das Scheitern, das Wiederprobieren, das ganze Auf-und Ab der Entwicklungsreise in den Blick nimmt.

Das ist berührend, weil extrem authentisch. Das ist nährend und amüsant, erlaubnisgebend und verzeihend, motivierend und tröstlich, auch konfrontativ. Natürlich ist das kein Buch zum „Durchlesen“, das kann man vielmehr immer wieder irgendwo aufschlagen und sich wiederfinden. Da kann man zustimmen oder nicht, da kann man sich lächelnd und zornig selbst erkennen, es ist wie ein Besuch in einer ganz persönlichen Selbsthilfegruppe. Natürlich taucht da alles auf, was mensch so kennt: Die Wut, die Hoffnung, die Freundschaft, die Liebe, Das Kindsein, der Beziehungswahnsinn, der Trotz, die Erleichterung, das Spielen, die Trauer, die Erschöpfung, die Glücksmomente, die Freundschaft, der Glaube . das Loslassen, das Durchhalten, und… und… und.

Die Texte, kurz oder lang, poetisch oder trocken, sie kommen immer voller Zuwendung daher, auch in der Konfrontation, immer auch beobachtend und gekonnt beschreibend, da wird nichts schöngeredet oder positiv verbrämt. In diesen Texten tobt das Leben, wie es nun mal ist. Und man fragt sich als erfahrene(r) LeserIn, woher diese Sprachmächtigkeit kommen mag, diese z.T. originellen Bilder (… „und plötzlich fahren wir von Geisterhand die Seitenwände des Aufzugs nach unten“), die überraschenden Querbezüge („So werde ich langsam zu der, die ich auch mal war“). Das ist im besten Sinne poetisch, ohne je abzuheben.

Ein Büchlein zum Verschenken, auch an sich selbst.

Mai 2026

Dr. Wolfgang Looss